Fritz Pölking
Der gelernte Konditormeister, Fotografenmeister und Verleger fotografiert bereits seit 1951 und zwar mit atemberaubendem Erfolg. Kein Wunder, dass er zu den besten Naturfotografen weltweit gehört und schon unzählige Auszeichnungen und Preise erhalten hat.
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Naturfotografie im Winter
Zwei Probleme haben wir im Winter durch die digitale Fotografie nicht mehr: Belichtungsprobleme und reißende Filme.
Es ist ja bekannt, dass die Belichtungsmesser in den Kameras auf einen mittleren Grauwert geeicht sind, und alles was heller ist als dieser, zu dunkel wiedergeben. Daher muss man im Winter Schneemotive immer 1 Blende bis zwei Blendenstufen überbelichten. Aber wie viel genau war immer ein motivabhängiges Problem, und am sichersten nur durch Belichtungsreihen in den Griff zu bekommen. Jetzt reicht ein Probefoto und der Blick auf das Histogramm.
Brechende oder reißende Filme im Winter gibt es auch nicht mehr. Früher musste man tunlichst der schnellen Motordrive abschalten und den Film möglichst langsam transportieren, denn bei niedrigen Temperaturen brach oder riss der Film wie Glas.
Die beiden Probleme gibt es nicht mehr, dafür aber zwei neue:

Ein erster Blick in die Bedienungsanleitung der digitalen SLR-Kamera zeigt den Satz: Der Temperaturberich reicht von 0 Grad Celsius bis 40 Grad Celsius plus. Der Hinweis zur Kompaktflash-Karte sagt: Operating Temperatur 0 Grad Celsius bis 60 Grad Celsius plus. Aufbewahrungstemperatur: Von 10 Grad Celsius minus bis 80 Grad Celsius plus.
Bei den Kameras sind die 0 Grad nach Aussagen von Fachleuten der momentane Stand der Technik, an dem sich auch vorläufig nichts ändern wird...
Da war ein geplanter Ausflug in den winterlichen Nationalpark Bayerischer Wald genau richtig als ein Test, wie ernst man diese Hinweise nehmen muss.
Auf der Fahrt am Morgen vom Hotel zum Nationalpark zeigte das Autothermometer als Außentemperatur minus 11,5 Grad Celsius an...
Das konnte ja heiter werden.
Am Luchsgehege im Nationalpark waren es dann eine Stunde später aber 'nur' noch minus 8 Grad und Kamera und Karte machten keine Probleme. Also erst einmal leichte Entwarnung. Wie sich später zeigte, waren nach einer Stunde bei minus 8 Grad draußen im Fotorucksack immer noch plus 10 Grad Celsius.
Wenn es also sehr kalt ist, sollte man die Kamera immer nur für die Fotos herausnehmen und dann schnell wieder im Fotorucksack verschwinden lassen. Als Test stellte ich am nächsten Tag bei minus 5 Grad Celsius die Kamera bei den Wölfen für 4 Stunden auf das Stativ, damit sie richtig auskühlen konnte und die wirkliche Außentemperatur annahm. Sie arbeitete auch dann noch einwandrei. Es sieht also so aus, als wenn man doch bis mindestens minus 10 Grad Celsius mit einer digitalen Kamera arbeiten kann.
Die LCD-Anzeigen dieser Kameras sollen bei minus 10-20 Grad Celsius oft "verschwinden" und wiederkommen, wenn es wärmer wird.
Auf jeden Fall ist die untere Grenze des von den Herstellern digitaler Kameras garantierten Arbeitsbereiches 0 Grad Celsius.
Die Informationen aus der Praxis sind etwas widersprüchlich:
Einige Naturfotografen hatten im winterlichen Bosquo del Apache in Neu-Mexiko bei Temperaturen zwischen minus 5-10 Grad Celsius erhebliche Schwierigkeiten, wogegen andere im eiskalten Kanada (im März in Churchill) munter und problemlos ganz junge Eisbären vor der Höhle fotografierten bis 40 Grad minus. Der Trick war: Immer ein bis zwei Akkus am Körper tragen und sobald der Akku in der Kamera ausgekühlt ist, diesen gegen einen 'angewärmten' austauschen.
Bei den Kompaktflash-Karten kann man auf jeden Fall Entwarnung geben: SanDisk bietet inzwischen Karten unter der Zusatzbezeichnung 'Extrem' an, die bis minus 25 Grad Celsius sicher arbeiten.
Ein weiterer wichtiger Tipp für die Winterzeit:
Digitale Kameras sind empfindlich gegen Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit. Sie nehmen es sehr schnell übel, wenn sie aus der Kälte in warme Räume kommen und beschlagen.
Daher habe ich im Fotorucksack im Winter unter dem digitalen Gehäuse immer eine große Plastiktüte liegen, in die ich das Gehäuse einpacke, bevor ich aus der Kälte kommend einen warmen Raum betrete.
Jetzt bilden sich die Wassertropfen an der Außenhaut der Platiktüte und nicht auf der Kamera.
Um feststellen zu können, wie kalt es draußen bei den Wölfen, Luchsen und Bären im Nationalpark wirklich war, hatte ich ein relativ großes Thermometer mitgenommen, das ich dann immer dort jeweils an einem Baum befestigte.
Andere Besucher fragten mich daraufhin manchmal, wozu ich denn um Gottes Willen zum Fotografieren der Tier im Wald ein Thermometer mitbringen würde.

Ich erzählte dann abwechselnd zwei Versionen:

1. Ich bin professioneller Naturfotograf und in der Gewerkschaft ver.di organisiert. Sobald die Temperaturen unter minus 10 Grad Celsius sinken, bekommen wir doppeltes Honorar, etwa so wie die Maurer, "Schlechtwettergeld" bekommen ab einer bestimmten Regenmenge.

2. Wir beruflichen Naturfotografen sind in der Gewerkschaft ver.di organisiert und dürfen nur bis minus 10 Grad Celsius arbeiten, sonst erlischt unser Versicherungsschutz, weil es dann zu gefährlich wird.

Manchmal erntete ich etwas zweifelnde Blicke, aber meistens wurden mir diese Short Storys abgekauft...